Persönliche Eindrücke vom Bundesparteitag 2011.1
Heidenheim an der Brenz. Wo? – Ach, #dings oder #bings (einigen scheint auch die Verwechslung mit Bingen gelungen sein). Ein hübsches Städtchen an der württembergisch-bayerischen Grenze, ein architektonisch umwerfend schönes Congress-Centrum sind Schauplatz des BPT2011.1; zu Gast 789 (meine ich mich zu erinnern?) akkreditierte Piraten; zudem Anhänger, Sympathisanten, Gäste, ein Bürgermeister, Presse. Standesgemäß und wie gewohnt zu Beginn nicht vorhandenes bis katastrophales (Inter-)Netz. Aber wo bliebe der Spaß, wenn gleich alles funktionieren würde. Eigentlich sollte es ein bezüglich seines Ablaufes recht überschaubarer Bundesparteitag werden. Quälend lange dauernde Vorstandswahlen, zu mehr würde es wohl mangels Zeit eh nicht kommen. Und wenn alles schiefliefe, gäbe es vielleicht immerhin ein Zusammentreffen mit den in den letzten 16 Monaten liebgewonnenen Piraten aus der ganzen Republik. Gesichter und bürgerliche Namen ihren Avataren und Nicks zuordnen, wie an jedem Parteitag: Großfamilie (das ist in meinen Augen das beste und ein auch objektiv betrachtet wesentliches Argument für Strapazen und gegen dezentrale Parteitage. Wir dürfen nicht das Offlinenetzwerken verlernen oder gar vergessen).

Also gab es allen Grund zur Freude, als sich am Freitagabend die ersten Dunstkreispiraten blicken ließen. Besonders erwähnen muß ich die wie immer entzückende @SuddenGrey – zum einen wegen ihrer nur schwer zu verkraftenden Sympathiebekundung, zum anderen, weil sie mich zu diesem Blogpost fast gedrängt hat (“Du mußt das mit den liebevollen Inhalten unbedingt ausformulieren”, hat sie gemeint – dazu weiter unten mehr). Der @herrurbach fiel mir fast um den Hals, weil er endlich das letzte (dritte!) seiner “ACTA #tentacleporn” – Shirts an einem Piraten ausmachen konnte. Ein Geburtstag, ein Tortie mit Torte und die ersten aufgebrezelten Piraten (Kyra im roten Nichts) – Samstag sollte ja ein spontan geplanter und inzwischen recht hohe Wellen schlagender Abendgarderobe- #fashmob stattfinden. Piraten wollen auch mal schön sein. Oder sind es per se und wollen es der Presse einfach zeigen. Insgesamt ein schöner Auftaktabend, der für die letzten sechs (bundes-) parteitagslosen Monate zu entschädigen wußte.
Samstagmorgen. Jetzt schon zu wenig Schlaf. Es wohnen ja doch noch andere Piraten in meinem Hotel: Zeit für ein kurzes Frühstück mit Spackos (oder wie nennen sich einzelne Spackeria-Jünger, Julia?). Hätte ich Alufolie griffbereit gehabt, dann… aber nein, frühstücken allein ist wohl nicht gefährlich. Zu Fuß los, den Schloßberg besteigen, man will sich ja rechtzeitig akkreditieren. Auf dem Weg mal schnell zufällig den Jens (den Jens, das Mem!) einsammeln und ihm zeigen, wo’s heute langgeht. Also zur Halle. Der erwartete, langatmige erste Wahltag. Ich weiß von Piraten, die bewußt nicht nach Heidenheim gekommen sind, weil sie “nicht zwei Tage damit verschwenden wollen, einen Vorstand zu wählen, mit dem sie nachher eh unzufrieden sind”. Eine Argumentation, die in meinen Augen so gar nicht zu einer Selbst-denken-selbst-machen-Partei paßt. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls – keine großen Überraschungen heute. Ich für meinen Teil hätte ja lieber den @Schmidtlepp als ersten Vorsitzenden gesehen, weil ich glaube, daß uns eine Rampensau nicht zuletzt zwecks Medienwirksamkeit gut täte, aber es gab wohl mehr Leute, die das anders sehen. Jetzt wird Christopher wohl die versprochenen 5% in Berlin holen müssen. Von @tirsales werde ich mich mal einfach überraschen lassen. Immerhin – das sollte sich später in der ersten Vorstandssitzung nach dem BPT herausstellen – beherrscht er wohl das Liebevolle-Inhalte-Ding. Den in der Presse gern herbeigeschriebenen Richtungswechsel kann ich hier aber nun wirklich nicht erkennen (würde in unserem Fall ja auch rückwärts bedeuten). Aber sie hat ja auch immer noch nicht gelernt, daß Piraten auf Delegierte verzichten. Ansonsten bot der erste Tag endlich die Möglichkeit, die unglaubliche @weckgeschnappt (leider viel zu kurz) persönlich kennenzulernen, dem Herrn @cfritzsche zu begegnen und gegen Spätnachmittag aufklären zu können, was denn im Vorraum so nach abgestandenem, lauwarmem Hundefutter roch: der Leberkäse. Abends dann: Warten auf Godot.
Sonntagmorgen. Schon beim Aufstehen stellt sich das für Piraten unerträgliche Bald-ist-wieder-alles-vorbei-schade-Gefühl ein. Für die gute Laune schnell ein paar Geocaches vor dem Frühstück abhaken und einen TB aussetzen. Packen. Weiter geht’s, mehr Wahlen stehen an (für die Nichtpiraten, die sich fragen, warum denn das Wählen des Vorstands so lange dauert – stimmt, bei der FDP legt das der Bestimmer einfach fest. Wir machen das anders – mit Demokratie für alle). Bisher nicht viel anders, als im Vorfeld erwartet. Was ich im Vergleich zu Bingen und Chemnitz als auffällig festzustellen glaubte, war die insgesamt ruhigere, freundlichere oder gelassenere Grundstimmung. Wirklich aufgeheizt fühlte sich das bisher nicht an. Das mag vielleicht auch ein Verdienst der deeskalierenden Fähigkeiten der Versammlungsleitung sein, aber “The Voice” @tollwutbezirk war ja auch schon in Chemnitz erfolgreich beruhigend tätig. Irgendwann hieß es von Seiten des Hausherrn, wir seien die diszipliniertesten und angenehmsten Gäste, die das CongressCentrum jemals gehabt habe. Hm. Langsam wurde es mir unheimlich. War ich auch auf dem richtigen Parteitag? Und dann passierte das, was diesen BPT zu einem vielleicht denkwürdigen werden lassen sollte. Marina (@afelia) kandidiert spontan für den Posten des Politischen Geschäftsführers. Man spürt sofort, daß da auf der Bühne kein Durchschnittspirat steht. Ich will Marina hier nicht in andere Sphären heben, mitnichten. Aber der Durchschnittspirat ist nun mal keine Dame. Da spricht jemand wohlartikulierend, bedächtig, leise, freundlich, entwaffnend charmant; strahlt Ruhe aus und zierliche Eleganz und ist offensichtlich ein besonders kluger Kopf. Sie bittet darum – wenn man sich für sie entscheide – nicht gewählt zu werden, weil sie eine Frau sei. Ich glaube, daß ihr genau diese Äußerung schlußendlich dann das Amt eingebracht hat (und nein, das ist keine Negativkritik). Sehr viel charmanter konnte eine – ihre – Offensiv(be)werbung wohl kaum aussehen.
Ich weiß nicht, ob mich meine Wahrnehmung schlicht an der Nase herumführte, aber in diesem Moment, und für den Rest des Tages, glaube ich, ein besonders positives, friedliches, konstruktives Gefühl als kollektiv erfahren zu haben (ja, ja, das liest sich ganz furchtbar esoterisch). Denn jetzt – auch wenn der gesamte Parteitag bisher eh äußerst und beinahe unerwartet gesittet abgelaufen war – gab es dieses Unerwartete, das ich als Liebevolle Inhalte umschreiben möchte. Auf einmal sind “wir” jetzt in der Lage, harte Fakten oder unbequeme Inhalte anzusprechen oder zu behandeln, ohne es dabei an Freundlichkeit zu mangeln zu lassen. Nein, ich mache das nicht (allein) an Marina fest, aber ich glaube, daß ihre Kandidatur und Wahl dies ins Bewußtsein gerückt haben. Das soll auch nicht heißen, daß ich glaube, daß das vorher nicht möglich gewesen wäre, aber an diesem Sonntagnachmittag scheint der Knoten sozusagen großflächig geplatzt zu sein. So bin ich mir auch im Rückblick noch nicht ganz sicher, ob der nicht enden wollende Applaus nach Bekanntgabe des Auszählungsergebnisses ausschließlich Marina galt, oder sich der Parteitag nicht auch ein wenig selbst gefeiert hat, schlicht seiner Erleichterung Ausdruck zu verleihen suchte, eine – oder die ideale? – personelle Entscheidung getroffen zu haben, die die Möglichkeit bietet, nachhaltig eine neue Kultur des Umgangs miteinander zu implementieren.

Nein, kein Verdienst eines Einzelnen. Aufgefallen ist mir dieses Potential zum ersten Mal beim letzten Landesparteitag NRW, ohne es jedoch genau benennen zu können; damals noch wahrgenommen als vielleicht putzige Eigenheit – ja, ich entschuldige mich schon mal – der schon erwähnten unverzichtbaren @SuddenGrey: ganz charmant, fast verschüchtert mit dem Saalmikro flirtend dem Redner / Bewerber auf der Bühne aber mal so ganz unangenehme Fragen stellen. Ohne dem Angesprochenen zynisch oder polemisch oder herabwürdigend zu begegnen. Dies ggf. vorher noch anzukündigen, wie hier beschrieben, ermöglicht eine Diskussion / ein Streitgespräch, bei der sich keine der beiden Seiten verbiegen und sich auch niemand persönlich unwohl fühlen muß, und das trotz eines möglicherweise unbequemen Ergebnisses die Möglichkeit für eine gemeinsame Mate danach offen hält. Und ganz nebenbei das Bewahren individueller Authentizität ermöglicht.
Das darf ruhig so weitergehen. Der erste Eindruck vom neuen BuVo ist recht vielversprechend. Auch, wenn sich das für mich bisher fast ausschließlich auf die Impressionen vom BPT und der ersten Vorstandssitzung gründet, so ist doch nicht zu übersehen, daß der Umgang dort ein viel feinsinnigerer ist, als der bisherige Vorstand jemals eine Sitzung (?) durchgeführt hat. Höflicher habe ich noch keine BuVo-Sitzung erlebt, und das lag nicht zuletzt daran, daß auch @GefionT und @tirsales offensichtlich Liebevolle Inhalte beherrschen. Wenn das so weitergeht, macht mir das Angst. Der Wähler könnte uns gar mögen.
Es wäre schön, wenn sich das als neue Kultur bezüglich des Umgangs miteinander ein wenig, oder vielleicht so lange wie möglich halten könnte. Es reicht völlig, wenn wir mit unseren politischen Gegnern hart umgehen. Denn die haben es nötig.
Vielen Dank
ich mache einfach weiter so. Schön, dass du den Artikel geschrieben hast!
Ich bin auch für mehr liebevolle Inhalte!
“Liebevoll” ist ein schönes Wort. Aber ich wär über “respektvoll” schon froh, nach dem anschließenden BaWü-LPT (lief eigentlich ok) und der darauf folgenden MailingList-Debatte (enttäuschend).
Es ist eine überspitzte Karikatur, aber (selbstzitier): “Jeder Pirat hat 11999 Feinde: in der Partei. Und dann noch die außerhalb.”
Ich wünsche uns Piraten mehr Konstruktivität. Sehr viel mehr. Wenn wir uns selbst ernstnehmen, gibt es verdammt viel zu tun. Da draußen.
Wenn wir uns nicht ernstnehmen, bringen wir “Kinder wollen singen” zum nächstgelegenen Kindergarten. Und bleiben gleich da.
Sorry.